Corona-Hilfen


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Die wirtschaftspolitischen Herausforderungen der nächsten fünf Jahre

Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr im Interview zu den Zielen und Plänen im Kreis Coesfeld

Die niedrigste Arbeitslosenquote in NRW, der höchste Versorgungsgrad mit Glasfaser in NRW, der erste Landkreis mit einer gemeinsamen Digitalisierungsstrategie aller zugehörigen Kommunen und zuletzt der Zuschlag beim Bundeswettbewerb „Smarte.Land.Regionen“: Der Kreis Coesfeld hat in den vergangenen fünf Jahren viele Positiv-Schlagzeilen gemacht, zudem die Flüchtlingskrise und die Corona-Pandemie – bisher – erfolgreich gemeistert. Nun steht Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr vor seiner zweiten Amtszeit. Das sind die Herausforderungen und die Ziele, die er gemeinsam mit den Akteuren im Kreis im wirtschaftspolitischen Bereich meistern und erreichen möchte.

Herr Dr. Schulze Pellengahr, in den vergangenen fünf Jahren hat der Kreis Coesfeld viel erreicht. Welche Schlagzeilen möchten Sie denn bis zum Ende Ihrer zweiten Amtszeit gelesen haben?
(lacht) Die Corona-Krise hat uns ja gerade erst gezeigt, wie schnell sich Pläne und Ziele ändern können. Dazu verkürzt die hohe Dynamik des digitalen Wandels den Planungshorizont künftiger Entwicklungen sehr stark. Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, dass wir den Menschen in unserem Kreis die notwendigen Angebote bereitstellen, mit diesen Verände-rungen konstruktiv umzugehen. Wir brauchen Verlässlichkeit und gleichzeitig die Möglichkeit, flexibel und dynamisch auf Veränderungen reagieren zu können. Vor diesem Hintergrund freue ich mich über jede Schlagzeile, die zeigt, dass wir es geschafft haben, die Zukunft im Sinne unserer Bürgerinnen und Bürger, aber natürlich auch der Unternehmen erfolgreich zu gestalten.

Dann gehen wir doch ein paar Schritte zurück. Was steht ganz vorne auf der Agenda?
In der aktuellen Situation ist das natürlich die Corona-Krise, die alle Bereiche des Lebens betrifft. In wirtschaftlicher Hinsicht geben wir den Unternehmen weiterhin jedwede mögliche Unterstützung, um diese Krise erfolgreich zu meistern. Doch das ist nur ein Teil der Herausforderung. Neue Prozesse und Ideen, die die Unternehmen entwickeln, und die Entscheidungen, die sie treffen, sollen dazu dienen, in Zukunft noch besser aufgestellt zu sein. Dabei wollen wir ganz gezielt helfen.

Welche Angebote sind dafür geplant?
Wir möchten die Innovationsförderung noch stärker in den Fokus rücken. Aufgrund der Corona-Krise gibt es aktuell so viele finanzielle Fördermöglichkeiten wie noch nie. Auf diese Chance müssen wir die Unternehmen aufmerksam machen und sie dabei unterstützen, innovative Produkte, Geschäftsmodelle und Prozesse zu entwickeln. Um dies zu erreichen, wollen wir die Zusammenarbeit mit den Hochschulen des Münsterlandes intensivieren und das Know-How, das dort entsteht, noch schneller in die Unternehmen hinein bringen.

Innovationen voranzubringen bedeutet aber auch, die von der Corona-Krise besonders betroffenen Branchen wie den Einzelhandel und die Gastronomie zu unterstützen. Wir alle wünschen uns weiterhin lebendige Innenstädte, aber dafür werden neue Geschäftsmodelle nötig sein, die auch die Möglichkeiten des digitalen Wandels nutzen. Daran arbeiten wir ganz akut sowie mit mittelfristig geplanten Angeboten und Projekten.

Kann dieser Wandel auch eine Chance für das Klima sein?
Unbedingt. Es wäre fatal, wenn wir diese Möglichkeit nicht nutzen würden. Bei allen Veränderungen werden wir schauen, wo wir Ressourcen einsparen oder effizienter einsetzen können, wo wir – beispielsweise mit erneuerbaren Energien – aktiven Klimaschutz betreiben und Mobilität klimafreundlicher gestalten können.

In den vergangenen Jahren war der Fachkräftemangel ein zentrales Thema im Kreis Coesfeld. Wird dies mit Blick auf die Corona-Krise künftig noch im Fokus stehen?
Auf jeden Fall, denn am demografischen Wandel ändert sich nichts. Laut der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung wird im Jahr 2040 über ein Drittel der Bevölkerung 65 Jahr und älter sein. Der Fachkräftemangel droht somit immer größer zu werden. Um das zu verhindern, müssen wir schon jetzt investieren – in Ausbildung, in starke Arbeitgebermarken und in eine bessere Erreichbarkeit der Unternehmen. Um im Wettbewerb um die Fachkräfte zu gewinnen, sind Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr wichtig, aber auch ein wertschätzendes Miteinander im Unternehmen. Im Zuge der sich immer schneller verändernden Anforderungen im Arbeitsalltag, wollen wir die Unternehmen dabei unterstützen, die Mitarbeiter – etwa durch eine Kultur des lebenslangen Lernens – dabei mitzunehmen. Und, nicht zuletzt, möchten wir helfen, mit neuen Formen des Recruitings potentielle Fachkräfte besser zu finden.

Der Kreis Coesfeld ist und bleibt ländlich geprägt. Wie kann da die Erreichbarkeit der Unternehmen verbessert werden?
Hier verfolgen wir zwei Ansätze. Zum einen stehen neue Formen der Mobilität im Fokus, die nicht nur auf den Arbeitsweg, sondern insgesamt auf bessere, ressourcenschonendere Möglichkeiten von A nach B zu gelangen fokussiert sind. Konkret soll die Anbindung an ÖPNV-Knotenpunkte verbessert werden, Sharing-Angebote von E-Autos, E-Bikes und E-Lastenrädern ausgebaut werden und Verkehre mit Hilfe von Shuttlen gebündelt werden. Für die Buchung werden digitale Plattformen zur Verfügung stehen.
Der zweite Ansatz ist indirekter. Durch die sich verändernde Form des Arbeitens hin zum mobilen Arbeiten wird Erreichbarkeit nicht mehr über Fahrtzeiten und -strecken oder die Anbindung an den ÖPNV definiert, sondern über digitale Infrastrukturen. Das gibt uns die Möglichkeit, wohnortnahe, gut ausgestattete Arbeitsplätze etwa in Coworking-Spaces zu schaffen. Wenn dadurch die Fahrt zum Arbeitgeber auf ein oder zwei Tage die Woche reduziert werden kann, schont es nicht nur das Klima, sondern erweitert auch den Umkreis für die Fachkräftesuche deutlich. Natürlich müssen dafür die Unternehmen ihre Möglichkeiten des mobilen Arbeitens ausbauen, auch dabei möchten wir unterstützen.

Wird das Auswirkungen auf die Gewerbeflächen im Kreis Coesfeld haben?
Wir haben vergleichsweise wenig Büroflächen, sondern eher gewerbliche Nutzungen. Aber ja, die Flächen sind knapp und auch gewerbliche Arbeitsabläufe werden sich durch den digitalen Wandel ändern. Deshalb müssen wir – neben der Erschließung neuer Gewerbeflächen – auch Konzepte entwickeln, um die vorhandenen Flächen effektiver zu nutzen und in dieser Hinsicht den Austausch der Kommunen untereinander zu fördern.

Ohne die Möglichkeiten des digitalen Wandels miteinzubeziehen, kommt offenbar kein Ziel für die nächsten fünf Jahre aus. Ist die Digitalisierung das zentrale Thema Ihrer zweiten Amtsperiode?
Im Zentrum meiner Arbeit stehen immer die Bürgerinnen und Bürger. Aber der digitale Wandel betrifft nun einmal jeden Lebensbereich. Unsere Aufgabe als Kreis Coesfeld sehe ich darin, die Möglichkeiten, die sich uns bieten, zunächst einmal zu erkennen und dann zu schauen, welchen Nutzen sie haben können, um Dinge für Menschen zu vereinfachen, leich-ter zugänglich zu machen, sie kosteneffizienter und ressourcenschonender anzubieten. Dafür möchten wir Anfang nächsten Jahres die in den vergangenen Monaten erarbeitete, gemeinsame Digitalisierungsstrategie der elf Kommunen und des Kreises Coesfeld verabschieden und mit der Umsetzung beginnen. Dass wir diesen Schritt zu diesem Zeitpunkt gehen können und wollen, ist ein immenser Standortvorteil und großes Alleinstellungsmerkmal des Kreises.

Andere Kreise sind noch nicht so weit?
Nein, dort gehen einzelne Kreise, Städte oder Gemeinden voran, aber es gibt kaum kreisweit abgestimmte Vorgehen. Dass wir schon jetzt so weit sind, ist der konsequenten Ausbaustrategie für Glasfaser und LTE zu verdanken, die wir in den vergangenen Jahren verfolgt haben. Bei einer Glasfaserversorgung von 75 Prozent und einer LTE-Versorgung von 90 Prozent, haben wir natürlich in den nächsten Jahren vor, die letzten Lücken zu schließen, aber unseren Fokus können wir schon jetzt auf die Anwendung richten. Dazu gehören auch die Möglichkeiten, die das 5G-Netz für die Kommunikation zwischen Maschinen oder elektronischen Geräten bietet. All diese Themen und geplanten Anwendungsmöglichkeiten von der Bildung über die Verwaltung bis hin zur Wirtschaft stecken in unserer kreisweiten Digitalisierungsstrategie.

Was bedeutet das für die Menschen und den Lebensalltag im Kreis Coesfeld?
Den Bürgerinnen und Bürgern im Kreis Coesfeld zu zeigen, wie digitale Angebote ihr Leben vereinfachen, ist dabei eine der zentralen Aufgaben. Aber wir wünschen uns noch mehr: Wir wollen die Leute dabei unterstützen, die Chancen zu verstehen, und sie inspirieren, smarter zu denken. Im Idealfall hören wir ein Echo. Wenn unsere digitalen Ideen den Menschen im Kreis Coesfeld zugerufen werden, schallen von ihnen neue Ideen zurück.

Das Interview führte die wfc für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Wirtschaft aktuell.