Gründungsstory: Alleine zu gründen, war der beste Weg

Viel Arbeit und gründliche Planung stehen hinter der Strafrechtskanzlei von Sarah Wurzinger

LÜDINGHAUSEN. Nach dem Abschluss ihres Jura-Studiums war für Sarah Wurzinger klar: Ihr beruflicher Weg liegt im Strafrecht. Das Problem: Kanzleien stellen in diesem Bereich kaum ein. Staatsanwaltschaft oder Justizvollzugsanstalt waren zwar Interessante Alternativen, die Sie aus der Referendarzeit kannte. Es blieb aber ein Haken: „Ich bin kein Behördenmensch. Starre Strukturen sind nichts für mich. Auf Dauer wäre ich sicher unglücklich gewesen, auch wenn beide Berufsfelder mich wirklich gereizt haben.“ Blieb nur noch eines: die Selbstständigkeit.

Kanzlei-Gründung war ursprünglich zu dritt geplant

Gemeinsam mit einer Kollegin und einem Kollegen aus dem Referendariat wollte sie eine Gesellschaft gründen. Dann zog einer der Mitgründer zwei Tage vor dem Notartermin zurück. Die andere wurde schwanger. Wurzinger stand allein da – mit einem unterschriebenen Mietvertrag für 125 Quadratmeter Bürofläche in Lüdinghausen und einem Gefühlschaos aus Schock, Angst und Ohnmacht. „Nach ein paar schlaflosen Nächten habe ich entschieden: Ich mache das jetzt trotzdem. Alleine. Und es war die beste Entscheidung, die ich getroffen habe“, sagt Wurzinger rückblickend.

Eine gemeinsame Gründung, das habe sie in dieser Zeit erkannt, setze voraus, dass alle Beteiligten wissen, wohin sie wollen: Welche Karriereambitionen habe ich? Wie soll meine Work-Life-Balance aussehen? Welche Wachstumspläne habe ich für die Kanzlei? „Wenn jeder das für sich noch nicht weiß und man sich trotzdem schon fest zusammenschließt, ist das schwierig.“

„Es gab viel, an das ich anfangs nicht gedacht hatte“

So ging sie den Weg zur eigenen Kanzlei allein. „Das war ziemlich herausfordernd. Meine To-Do-Liste wurde immer länger, die Baustellen immer mehr. Es gab so viel, an das ich anfangs nicht gedacht hatte“, erzählt die Anwältin. Kanzlei-Logo, Schild vor dem Büro, Telefonanlage, Auswahl der Anwaltssoftware, Möbel, Internetverbindung, Gestaltung der Homepage und die Frage, wer eigentlich das Büro putzt: Sarah Wurzinger kümmerte sich – außer bei der Homepage – um alles selbst. Daneben stellte sie ihren Businessplan auf und nutzte die Gründungsberatung der wfc Wirtschaftsförderung Kreis Coesfeld, um unter anderem einen Gründungszuschuss zu beantragen.

Ab dem 1. September 2025 war Sarah Wurzinger offiziell selbstständig. Gestartet ist sie aber erst einen Monat später. Der Internetanschluss ließ auf sich warten.

Der Einstieg ins Mandantengeschäft verlief klassisch: Die Amtsgerichte abklappern, Visitenkarten bei den Straf- bzw. Ermittlungsrichtern abgeben, um eine Bestellung als Pflichtverteidigerin zu erhalten. Daneben gab Sarah Wurzinger Rechtskundeunterricht am St.-Antonius-Gymnasium in Lüdinghausen.

Doppelter Vorteil durch Ausbildung zur Rechtsanwalt- und Notarangestellten

Was ihr zusätzlich half, waren Kontakte. Vor dem Jurastudium hatte Wurzinger eine Ausbildung zur Rechtsanwalt- und Notarangestellten absolviert – und den Kontakt zu ihrer damaligen Kanzlei gehalten. Davon profitierte sie nun doppelt: „Ich habe gelernt, wie man eine Kanzlei führt, wie man Abrechnungen macht und dass ich auf jeden Fall einen Steuerberater brauche“, erklärt sie. Außerdem habe ihr die Kanzlei in der Anfangszeit Mandate weitergegeben, die sie selbst nicht annehmen konnte oder wollte.

Sechs Monate nach der Gründung trug sich die Kanzlei selbst. Perfektes Timing, denn nach sechs Monaten endet der Gründungszuschuss, aber auch perfekte Planung. Schließlich hat Sarah Wurzinger den Standort Lüdinghausen bewusst gewählt. Münster, wo sie studiert und das Referendariat absolviert hatte, kam für sie nicht in Frage: zu viel Konkurrenz, schwierige Verkehrs- und Parksituation.

Gründliche Marktanalyse, um den richtigen Stand zu finden

Entscheidend war die Marktanalyse: „Münster braucht keine weiteren Strafverteidiger. Deshalb habe ich geschaut, wo im Umkreis keine oder nur wenige Strafverteidiger niedergelassen sind und gleichzeitig die Wege zu den Amtsgerichten kurz sind. Eine Antwort darauf war Lüdinghausen. Als ich hier die perfekten Büroräume gefunden habe, war die Entscheidung klar.“ Jetzt arbeitet Sarah Wurzinger daran, ihr Profil zu schärfen und ihr Geschäft weiter auszubauen. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn man dem Mandanten helfen konnte und er glücklich aus dem Gericht kommt. Dabei geht es oft gar nicht um einen Freispruch, sondern darum, das Beste aus der individuellen Situation herauszuholen.“

Foto: Kanzlei Sarah Wurzinger

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Sabrina Becker